Bombenabwürfe in den Kantonen St. Gallen - Luzern - Aargau - BL 7. / 8. November 1941
© by Patrick Schlenker 2024 / 2026
55 Bomber vom Typ Armstron Wellington sollten Industrieanlagen in Mannheim ein weiteres mal angreifen. Die Bomber der Squadrons 103, 142, 150, 300, 301 und 304, allesamt mit Wellingtons ausgerüstet, waren an diesem Angriff beteiligt. Mannheim war nur eines von viele Zielen, die in dieser Nacht vom Bomber Command angegriffen wurden. Mit eingesetzten 387 Bombern war es bis dahin der grösste kombinierte Luftangriff auf unterschiedliche Ziele gegen Deutschland.
Wellington Mk X über dem Baselbiet in der Nacht vom 7. auf 8. Novermber 1941 - Bild © Patrick Schlenker 2026
St. Gallen - Jonschwil
Am 7. November 1941 gegen 21:15 Uhr wurde in der Region Jonschwil ein Flugzeuggeräusch vernommen, das etwa fünf Minuten lang über dem Gebiet kreiste. Die Wetterlage war verhangen, bei recht starkem Wind und vorangegangenem Regen. Die Gegend war nicht verdunkelt. Kurz darauf, gegen 21:25 Uhr, bemerkten Einwohner von Jonschwil einen Feuerschein in südlicher Richtung. Die örtliche Wehr und Feuerwehr leiteten sofort eine Suchaktion ein und entdeckten den Brandherd etwa 500 Meter nördlich von Jonschwil. An der Fundstelle brannte eine Bombe bereits vollständig ab; weitere Nachforschungen blieben vorläufig ohne Ergebnis.
Am folgenden Tag wurden südlich von Jonschwil weitere 15 Einschlagstellen gefunden, von denen vier bis fünf Bomben bereits abgebrannt waren. Zwei Bomben lagen im Wald zerschmettert, aber nicht abgebrannt, die anderen verteilten sich auf Wiesenflächen. Da sich bereits zahlreiche Jugendliche in der Umgebung aufhielten, wurde das Gebiet von der Truppe abgesperrt und weitere Einschlagstellen gesucht. Ein Teil der Blechteile war bereits durch die Ortswehr auf einem Fahrradanhänger entfernt und bei einer Schuttablagerung deponiert worden. Am 8. November 1941, gegen 15:30 Uhr, meldete sich der mit der Untersuchung beauftragte Offizier bei den örtlichen Stellen und koordinierte das weitere Vorgehen.
Die Armee ging davon aus, dass insgesamt 18 Bomben abgeworfen wurden (2 x 9). Die beiden fehlenden Bomben wurden daraufhin ebenfalls im Wald gefunden. Es handelte sich bei allen Bomben um englische Brandbomben vom Typ BOMB INC. 50 IB mit einem Gewicht von etwa 50 Pfund. Sie bestanden aus einem Blechkanister, gefüllt mit einer gelblichen, ölig-schmierigen Flüssigkeit. Beim Aufprall barsten die Kanister jeweils, wodurch am Einschlagpunkt eine größere Lache entstand, umgeben von weiteren, kleineren Phosphorlachen und Spritzern; einzelne Blechstücke wurden dabei weggeschleudert. Erste Untersuchungen deuteten darauf hin, dass die Füllung aus weißem Phosphor bestand, gelöst in einer Mischung aus Latex (Rohgummi) und Schwefelkohlenstoff, vermutlich, um eine klebende Eigenschaft zu erzielen und die Löschung durch Wasser zu erschweren. Aufgrund der feuchten Witterung und einer Schneeschicht von etwa 10 cm kam es bei den meisten Bomben nicht zu einer Brandentwicklung. Am Nachmittag des 8. November 1941 brannte jedoch eine der Bomben im Wald gegen 17:00 Uhr von selbst ab. Dabei wurde eine Flamme von ungefähr 1,5 m Höhe und rund 1 m Breite beobachtet, ohne dass weiterer Schaden entstand.
Die Bomben trugen die Aufschrift "BOMB INC. 50 IB" sowie das Laborierdatum "23-8-41" und die englische Warnung "HANDLE WITH CARE 8/41"; daneben war weitere englische Instruktionsschrift angebracht.
Die 18 Bomben-Einschlagstellen waren auf einer Fläche von ca. 400 m Länge und 300 m Breite verteilt und verursachten leichten Schaden an Gehölzen sowie Flurschaden.
Folgende Maßnahmen wurden eingeleitet:
- Das betroffene Gelände wird vorläufig überwacht, insbesondere die Einschlagstellen im Wald.
- Nicht abgebrannte Phosphorlachen sollen durch Anstochern mit einer Holzstange oder bei Bedarf unter Zuhilfenahme einer Lötlampe entzündet werden, um restliche Spritzer zu vernichten.
- Blechteile werden an der Schuttablagerung tief vergraben; die Bewachung des Geländes wird erst danach aufgehoben.
- Unbefugten wird der Zutritt zum betroffenen Gebiet für mindestens einen Monat untersagt, und das Gras in der betroffenen Region darf vorläufig nicht verwendet werden.
In einer ersten Lageinformation wurde zunächst von etwa 17 Brandgefäßen gesprochen; in der späteren Auswertung wurde die Zahl der Abwurfstellen auf 18 präzisiert. In einer knappen öffentlichen Mitteilung wurde der Abwurf zudem mit etwa 21:20 Uhr angegeben und festgehalten, dass die Bomben auf offenes Feld gefallen seien und zunächst keinen Schaden verursacht hätten, während die Detailuntersuchung die oben beschriebenen Befunde festhielt. In den Akten wird der Vorfall außerdem in einen größeren Zusammenhang gestellt: Demnach gehörte das verantwortliche Flugzeug vermutlich zu einer Formation von sechs Maschinen mit Auftrag gegen Ziele wie Mannheim, Stuttgart oder Karlsruhe; neben den Brandbomben bei Jonschwil wurden dabei auch eine Leuchtbombe bei Schwarzenbach sowie Sprengbomben in anderen Gebieten abgeworfen, und es wird sogar der Fund eines abgeworfenen Flugblattes ("Le Courrier de l’Air", Nr. 30/1941) erwähnt. Spätere Vermerke nennen für Jonschwil zudem einen Schaden von 322 Franken, der der britischen Regierung damals noch nicht gemeldet gewesen sei.
Luzern - Schwarzenbach
Zusätzlich wurde berichtet, dass bei Schwarzenbach eine weitere Bombe gefunden wurde. Diese Bombe lag etwa 10 Meter südlich des Schlosses Schwarzenbach und war teilweise im Boden eingedrungen. Es handelte sich um eine englische Fallschirm-Leuchtbombe, Typ 23 LB. Der Zündkopf der Bombe wurde ausgegraben, und das beschädigte Objekt mit den Aufschriften „..LoW” und „23 LB” sowie „B & S 1940” wurde nach Bern zur weiteren Untersuchung mitgenommen.
Diese Bombe verursachte nur geringfügigen Flurschaden.
Aargau - Asp
Nach dem Brandbombenabwurf bei Jonschwil liess ein weiteres Flugzeug gegen 21:45 Uhr in der Gegend der Staffelegg beim Weiler Asp eine Sprengbombe fallen. Der Abwurf erfolgte nach Angaben von Oberst Zumbrunn aus der Flugrichtung Ost–West. Im freien Feld, rund 700 Meter westlich von Asp, wurde ein Sprengtrichter festgestellt, der mit etwa 6,2 Metern Durchmesser und rund 1,7 Metern Tiefe (wieder aufgeschüttet) beschrieben wird. Es entstand lediglich Flurschaden. Die Analyse der vorgefundenen Splitter, insbesondere von Teilen eines Aufhängestegs, deutet mit grosser Wahrscheinlichkeit darauf hin, dass es sich um eine englische Brisanzbombe in der Grössenordnung von etwa 250 Pfund handelte. In einer zusammenfassenden Auswertung wird Asp als Abwurfstelle rund 22 Minuten nach Jonschwil eingeordnet. Dabei wird erwähnt, dass der Flieger unterwegs wohl mehrfach den Kurs änderte, unter anderem über den Bözberg beziehungsweise über die Linie Gelterkinden–Sissach, bevor er sich der Bombe entledigte.
Liestal - Lausen
Über Gebiet des Grammont warf um 21:56 Uhr ein anderer britischer Bomber zwei Bomben ab. Die beiden Sprengbomben landeten auf unbewohntem Gebiet zwischen Liestal und Lausen. Am Westhang des Grammont, beim Bruder Klausenweg, schlug die erste Brisanzbombe ein und explodierte. Die zweite Bombe wurde etwas später unweit des ersten Einschlags entdeckt; sie lag etwa 50 Meter westlich des ersten Trichters. Diese war mit einem Zeitzünder versehen und war tief in den Boden eingedrungen, sodass zunächst nur ein etwa 45 cm breites Loch erkennbar war. Sie explodierte erst am folgenden Tag, am Abend des 8. November 1941 (in den Meldungen wird dafür 19:35 Uhr genannt, andernorts 19:45 Uhr).
Vor Ort wurden folgende Schäden festgestellt:
Ein Sprengtrichter von 4 bis 5 Metern Durchmesser und ca. 1,1 Metern Tiefe im Wald, etwa 1,2 Kilometer nördlich der Kirche von Lausen.
Ein Blindgänger wurde etwa 50 Meter westlich des Trichters gefunden, tief im Boden eingedrungen und hinterließ ein etwa 45 cm breites Loch.
Die Untersuchung ergab, dass die gesprungene Bombe leichten Schaden an Holz und Wald verursachte. Aufgrund des Trichterdurchmessers wird von einer Bombe in der Größenordnung von 250 Pfund ausgegangen. Da zum Zeitpunkt der ersten Untersuchung nur wenige Splitter vorgefunden wurden, konnte die Herkunft der Bombe vorerst nicht abschließend bestimmt werden; aus der im Aufschlag gesprungenen Bombe ergaben sich zunächst keine verwertbaren Anhaltspunkte zur genauen Type oder Provenienz.
Der anwesende Offizier des Territorialkommandos 4 wurde angewiesen, die Abwurfstelle abzusperren, da beim Blindgänger eine Zeitverzögerungszündung vermutet wurde. Er erhielt zudem den Auftrag, nach weiteren Bombensplittern zu suchen und diese an die K.T.A. nach Bern zu senden.
Am 8. November 1941 um 19:35 Uhr detonierte der Blindgänger.
Weitere Untersuchung zur Herkunft der Bomben:
Die erneute Untersuchung vor Ort ergab Folgendes:
Der Haupttrichter wies einen Durchmesser von etwa 5,3 Metern auf und war stark mit Erde aufgefüllt, was auf eine tiefe Detonation hinweist. Ein Angehöriger der Absperrmannschaft berichtete, dass die Bombe vor der Detonation 5 bis 10 Sekunden lang ein Zischen verursachte, das auf eine Distanz von 50 Metern hörbar war. Die Explosion war aufgrund der tiefen Lage nicht besonders stark, was mit der tiefen Lage der Bombe begründet wurde.
Der Kommandant des Luftschutzes Liestal, Herr Hauptmann Schuppli, wurde angewiesen, weitere Splitter aus dem Trichter und der Umgebung zu sammeln und an die K.T.A. zu senden.
Identifizierung der Bomben:
Ein vom Luftschutz erhaltenes Trümmerstück aus dem Trichter, der am 7. November 1941 bei Lausen entstanden war, identifizierte sich als Teil eines Aufhängestegs, der üblicherweise an englischen Bomben angebracht ist. Diese Erkenntnis legte mit großer Wahrscheinlichkeit nahe, dass es sich um eine englische Bombe handelte.
Am 13. November 1941 erhielt die zuständige Kommission weitere Splitter aus dem Trichter der verspätet gesprungenen Bombe sowie zusätzliche Splitter der bei der Detonation gesprungenen Bombe. Die Untersuchung bestätigte, dass die verspätet explodierte Bombe eine englische 250-Pfund-Bombe war. Auf einzelnen Splittern wurden zudem eingeschlagene Markierungen wie „AMC 4“, die Zahl „5419“ sowie ein „S“ festgehalten, während sich aus der sofort explodierten Bombe auch nachträglich keine zusätzlichen eindeutigen Hinweise mehr ergaben.
In verschiedenen Orten in der Nordwestschweiz wurde um 21:00 Uhr Fliegeralarm ausgelöst. Die Maschine kam nach Zeugenaussagen aus nördlicher Richtung.
