Bombenabwürfe bei Buhwil TG 12. Oktober 1941
© by Patrick Schlenker 2011 / 2026
Am Sonntag, 12. Oktober 1941, war es eine ruhige Herbstnacht im Thurgau. In einer späteren Schilderung wurde beschrieben, die Nacht sei klar gewesen und der Mond sei eben aufgegangen.
Kurz nach 22 Uhr näherte sich ein einzelnes Flugzeug aus Nordwesten, welches mit grosser Wahrscheinlichkeit zu dem Bomberverband von 152 Wellington- und Whitley-Bombern gehörte, welcher in dieser Nacht Nürnberg bombardieren sollte. Um 22.12 Uhr überquerte es den Untersee bei Steckborn. Danach flog es weiter in Richtung Südosten bis in den Raum Amriswil, drehte dort nach Westen und verliess die Schweiz um 22.47 Uhr bei Rodersdorf wieder.
Am Boden zeigte sich das Geschehen zuerst als Geräusch und als kurze Alarmmeldungen. Ab 22.14 Uhr gingen bei der Kdo. Grenz Brigade 7 verschiedene Meldungen über Fliegergeräusche ein. Gleichzeitig wurde Fliegeralarm in Konstanz ausgelöst, dazu kamen Hinweise auf zwei starke Detonationen vom Überlingersee her. Wenig später wurde es konkret: Um 22.17 Uhr erfolgte in Buhwil ein Bombenabwurf. Er geschah beim Überflug des Raums Bürglen–Sulgen. Das Flugzeug warf zwei Sprengbomben ab. Eine traf das landwirtschaftliche Zweifamilienhaus des Landwirtes Bötschi in Buhwil, die andere den Platz vor dem Schulhaus. Zusätzlich gingen westlich des Dorfes Brandbomben nieder, ohne einen Brand auszulösen.
Die 250kg Sprengbombe im Wohnhaus zerstörte nicht nur ein Gebäude, sondern riss eine Familie auseinander. Anscheinend hatten die beiden Jungs hätten im gleichen Bett geschlafen, im selben Zimmer wie die Grossmutter. Ihre Mutter im Nebenzimmer. Nach dem Treffer wurden die Grossmutter, Witwe Bötschi, und der zwölfjährige Enkel Ernst im Sprengtrichter tot gefunden. Sein Bruder, der achtjährige Marcel lag ebenfalls im Trichter und hatte nur leichte Kopfverletzungen. Die Mutter der beiden Knaben, Erna Fräsel, wurde später in einiger Entfernung vom Gebäude tot aufgefunden. Drei weitere Personen im östlichen Wohnteil konnten sich mit leichten Verletzungen selbst aus den Trümmern befreien.
Im Buch "Die Geschichte Buhwils zur 1150-Jahrfeier 838 bis 1988 von Hans Reutimann" wird diese Nacht an einer Stelle sehr drastisch zusammengefasst: Die Explosion habe Menschen förmlich aus dem Haus geschleudert. Dort ist auch festgehalten, dass Grossmutter und Mutter weit weg, rund hundert Meter entfernt, tot lagen.
Komplett zerstörtes landwirtschaftliches Zweifamilienhaus des Landwirtes Bötschi - Foto NZZ 14.10.1941 - Digitalisierung / Kolorierung Patrick Schlenker 2026
Trotz allem wurden auch Begebenheiten überliefert, die in den Berichten fast wie „Wunder“ wirken: Emil Bötschi (Jahrgang 1898), der Besitzer, und seine Gattin Emilie (Jahrgang 1899) waren bereits zu Bett. Der Luftdruck habe sie aus der Kammer geschleudert; sie seien zwar mitgenommen, aber nicht tödlich verletzt gewesen und konnten sich aus eigener Kraft aus den Trümmern befreien. Auch ein Mädchen, das zufällig bei der Familie Ferien machte, sei praktisch unverletzt geblieben. Und bei den beiden Knaben, die im gleichen Zimmer schliefen und nach der Explosion im Bombentrichter verschwanden, überlebte wenigstens der jüngere.
Aufräumarbeiten des passiven Luftschutzes in Buhwil tags darauf - Foto NZZ 14.10.1941 - Digitalisierung / Kolorierung Patrick Schlenker 2026
Zur Erinnerung von Marcel gibt es eine spätere, sehr nüchterne Aussage: Er habe sich eigentlich an nichts erinnern können, weil alles blitzschnell ging und sie bereits schliefen. Er schilderte nur das Gefühl, „irgend wohin“ zu verschwinden und sehr rasch das Bewusstsein zu verlieren. Erst am Montagnachmittag sei er wieder zu sich gekommen – nicht im eigenen Haus, sondern in der Stube der Nachbarn (Familie Albert Keller). Dort habe man ihn mit Worten begrüsst, sinngemäss: „Wir sind froh, dass du lebst.“ Als eigentliche Verletzung blieb bei ihm vor allem eine böse Kopfwunde; und erst Schritt für Schritt habe er begriffen, was überhaupt geschehen war und welches Glück er gehabt hatte.
Die zweite Sprengbombe schlug beim Schulhaus ein, auf dem Platz davor. Dort entstand ein Krater von etwa fünf Metern Durchmesser und rund drei Metern Tiefe.
Flugroute des britischen Bombers in der Nacht vom 12. Oktober 1941 - Karte Privatarchiv Patrick Schlenker
Parallel dazu gingen Brandbomben im Gelände westlich von Buhwil nieder, unter anderem auch im weiter entfernten Raum Mettlen. Ein Teil zündete nicht, was in dieser Nacht vermutlich Schlimmeres verhinderte. In den Unterlagen wurden Typen und Aufschriften der Brandbomben festgehalten. Es fanden sich Kennzeichnungen wie 50 Lb INC mit Datumsangabe sowie Warnhinweise, die zum vorsichtigen Umgang mahnten.
Weil Brandmunition auch chemisch gefährlich war, wurden Sicherungsmassnahmen getroffen. In einer Anweisung wurde sinngemäss festgehalten, dass herausstehende Teile einer Zündung oder eines Zünders sofort unter Wasser zu setzen seien. Zudem wurde angeordnet, ein betroffenes Wiesenstück mindestens einen Monat nicht zu beweiden und das Gras weder zu mähen noch zu verfüttern, weil eine gewisse Wahrscheinlichkeit bestehe, dass Flächen oder Vegetation mit gelbem Phosphor in Berührung gekommen sein könnten.
Militärisch griff die Schweiz in dieser Nacht nicht ein. Als Begründung wurde angegeben, das Flugzeug habe sich ausserhalb der wirksamen Reichweite der Fliegerabwehr befunden, weshalb es zu keinem Eingreifen gekommen sei.
Was danach passierte, hatte eine eigene Dynamik im Dorf: In den folgenden Tagen setzte laut Chronik aus allen Richtungen eine regelrechte „Völkerwanderung“ ein. Zu Tausenden, vielfach per Velo, kamen Menschen nach Buhwil, um die Wirkung der Sprengbomben mit eigenen Augen zu sehen. Das herbeigeeilte Volk musste – ausser der Feuerwehr – den Anordnungen des Militärs folgen und wieder zurückstehen. Viele seien still geworden und nachdenklich abgezogen, mit der Frage im Kopf, was ein Krieg für das eigene Land bedeutet hätte.
Die politische Abwicklung folgte später. Der Fall wurde in Bern als Bombardement von Buhwil behandelt. Dabei wurde festgehalten, dass die britische Regierung die Verantwortung anerkannte, allerdings mit dem Vorbehalt, die Beweise seien aus ihrer Sicht nicht in jedem Punkt absolut schlüssig.
Kurz darauf wurde die Forderung beziffert. Die Entschädigung wurde auf 90’693.55 Franken festgesetzt, zuzüglich fünf Prozent Zins ab dem 13. Oktober 1941. Im Herbst 1942 kam die Zahlung praktisch in Gang. In einem Telegramm wurde gemeldet, die Bombenschäden in Basel, Zürich und Buhwil seien anerkannt. Wenig später wurde den Kantonen mitgeteilt, dass die britische Regierung die Schadenersatzforderung durch Zahlung erfüllt habe. Ende Oktober wurde aus London gemeldet, das britische Luftministerium habe der Schweizerischen Nationalbank 2’158’259.37 Franken überwiesen, als Gesamtbetrag für die Entschädigungen mehrerer Fälle.
