Angriffe auf unter Schweizer Flagge fahrende Hochsee-Schiffe 

© by Patrick Schlenker 2011 / 2026

 

Einleitung

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geriet die Schweiz erneut in eine versorgungswirtschaftliche Notsituation. Weil auf dem Weltmarkt und auf den Seewegen kaum verlässlich Frachtraum zu bekommen war, musste die Schweiz eigene Schiffe einsetzen. Die rechtliche Grundlage dafür schuf der Bundesbeschluss vom 9. April 1941 über die Seeschifffahrt unter der Schweizer Flagge.

Nach dem Entscheid wurde die Handelsflotte rasch aufgebaut: Das Kriegstransportamt (KTA) erwarb von Januar 1941 bis April 1942 vier Schiffe zu kriegsbedingt sehr hohen Preisen. Dazu kamen private Reeder mit sechs Schiffen dazu. Bis 1945 fuhren vierzehn Schiffe unter Schweizer Flagge. Sie brachten vor allem Rohstoffe, Futter, Getreide und Zucker zur Abwehr von Hunger und Not in die Schweiz.

Damit neutrale Schiffe im Krieg erkannt werden konnten, waren die Bordwände beidseitig in grossen Lettern mit «SWITZERLAND» gekennzeichnet. Zusätzlich wurden an verschiedenen Stellen Schweizer Flaggen aufgemalt. Diese auffällige Kennzeichnung war überlebensnotwendig, sie konnte aber nicht verhindern, dass die Schiffe trotzdem von See und aus der Luft angegriffen wurden.

 

Versenkung der Maloja bei Marseille 7. September 1943

Versenkung der Maloja bei Marseille 7. September 1943 - Bild Patrick Schlenker ©2026_1

Sinkende Maloya nach schweren Treffern durch britische Flugzeuge - Bild © Patrick Schlenker 2026

Die Maloja (Register Nr. 002, Baujahr 1906, Rufzeichen HBDI, Länge 81,6 m, 2’650 DWT) stand seit Frühling 1941 vor allem im Pendelverkehr zwischen Lissabon und Genua im Einsatz. In der kleinen Schweizer Flotte galt sie als besonders zuverlässig und pünktlich. Umso grösser war die Bestürzung über ihr Ende.

Am Montag, 7. September 1943, wurde die Maloja rund 30 Seemeilen vor der korsischen Küste beim Cap Revellatavon einem, wahrscheinlich britischen, Bombergeschwader angegriffen. Die Angreifer setzten Torpedos und Bomben ein. Das Schiff sank innerhalb weniger Minuten und ging mit seiner Ladung von Speiseöl und Kopra verloren.

Bei der Versenkung kamen drei portugiesische Seeleute ums Leben. Die überlebende Mannschaft war international zusammengesetzt: zwei Holländer (Kapitän und 1. Offizier), elf Portugiesen, drei Dänen, ein Belgier sowie drei Schweizer. Namentlich genannt werden die Schweizer Seeleute Städeli Emil (Funker), Häggi Fritz (Schiffskoch) und Vogel Albert (Leichtmatrose / Offiziersaspirant). Der Untergang der Maloja wurde zu einem der einschneidendsten Verluste der Schweizer Kriegsversorgung zur See.

 

Angriff auf die Chasseral vor der Küste von Sète – 22. März 1944

Angriff auf die Chasseral vor der Küste von Sète – 22. März 1944 - Bild Patrick Schlenker ©2026_1

Raketenangriff von Beaufightern auf die Chasseral vor der Küste von Sète - Bild © Patrick Schlenker 2026

Die Chasseral (Register Nr. 006, Baujahr 1897, Rufzeichen HBDF, Länge 100,6 m, 4’064 DWT) war das zweite bundeseigene Schiff des Kriegs-Transportamtes. Anders als andere Frachter der Bundesflotte geriet die Chasseral fortwährend in Schwierigkeiten. Bereits im August 1943 musste der einstige Bananendampfer vor Lissabon mit brennender Ladung auf Grund gesetzt werden – ein Vorfall, der die Verwundbarkeit solcher Versorgungsfahrten im Krieg deutlich machte.

Im März 1944 wurde die Chasseral vor der Küste von Sète von einem britischen Jagdbomberverband angegriffen und schwer beschädigt. Im Verlauf des Angriffs wurde ein Schweizer Maschinist tödlich verwundet. Die Schäden waren so gravierend, dass das Schiff nicht mehr aus eigener Kraft sicher manövrieren konnte und stark krängte.

Mit Hilfe von Patrouillen- und Schleppbooten der deutschen Kriegsmarine erreichte die Chasseral schliesslich den Hafen von Sète, und zwar mit schwerer Schlagseite. Damit war der Vorfall nicht beendet. Erst notdürftige Reparaturen machten den Frachter wieder einsatzfähig. Trotz der schweren Beschädigung blieb die Chasseral danach bis Kriegsende im Dienst und fuhr weiter, vor allem auf Pendelfahrten zwischen den Mittelmeerhäfen.

 

Angriff auf die Cristina vor dem Hafen Sète (Frankreich) – 6. Mai 1944

Auch wenn die Cristina nicht im Besitz der Eidegnossenschaft stand, fuhr diese im Namen des Schweizerischen Roten Kreuzes Transprteinsätze für die Briten. Am 6. Mai 1944 wurde die Cristina vor dem Hafen von Sète angegriffen. Zwölf Beaufighter nahmen das Schiff mit Raketen unter Feuer. Die Cristina fuhr zu dieser Zeit unter dem Zeichen des schweizerischen Roten Kreuzes und war vom British Red Cross gechartert worden.

Der Auftrag war humanitär: Das Schiff transportierte Material für englische Kriegsgefangene. Gerade solche Fahrten zeigen, dass Schiffe unter Schweizer Flagge nicht nur klassische Versorgungsgüter wie Getreide oder Zucker beförderten, sondern im Krieg auch Aufgaben übernahmen, die unmittelbar mit Hilfeleistungen verbunden waren.

Trotz Kennzeichnung und Auftrag geriet die Cristina in den Angriff. Nach dem Beschuss lief sie auf Grund.

 

Schiff Albula im Hafen von Marseille – Juni 1944

Schiff Albula im Hafen von Marseille – Juni 1944 - Bild © Patrick Schlenker 2026_1

Gesunkenes Schiff Albula im Hafen von Marseille – Juni 1944 - Bild © Patrick Schlenker 2026

Die Albula (Register Nr. 009) fuhr vom Frühling 1942 bis in den Sommer 1944 im Pendeldienst zwischen iberischen und italienischen Häfen. Schon früh zeigte sich, wie anfällig der kleine Frachter war: Gleich auf der ersten Fahrt von Barcelona nach Lissabon gab es einen Defekt an der Lichtmaschine und einen Leitungsbruch, dazu fiel auch noch die Funkanlage aus.

Im Juni 1944 lag die Albula im Hafen von Marseille. Dort geriet sie in die unmittelbare Gefechtszone. Als die abziehenden deutschen Besatzer die Kaianlagen sprengten, sank das Schiff im Hafenbecken. Die Besatzung war kurz zuvor evakuiert worden. Damit ging die Albula nicht durch einen klassischen Luft- oder Torpedoangriff verloren, sondern durch die Zerstörung der Hafenanlagen mitten im Kampfgeschehen.

 

Schiff Generoso im Hafen von Marseille – 19. September 1944

Die Generoso (Register Nr. 004) war ein sehr alter, kleiner Frachter, der für eine enorme Summe gekauft und der Eidgenossenschaft verchartert wurde. Im Bordbuch häuften sich Meldungen über schwere Schäden. Unter anderem wird von einem undichte Dampfkessel, verrosteten Bordwänden und Spanten berichtet. Trotz der Beschränkung auf Küstenfahrten zwischen Lissabon, Marseille und Genua geriet das Schiff wiederholt in Seenot und musste immer wieder repariert werden. Wegen Materialmangels wurde sogar ein aus einem Wrack geborgener Dampfkessel eingebaut.

Am 19. September 1944 kam es im Marseiller Hafen zum entscheidenden Zwischenfall: Bei einem Manöver lief die Generoso auf eine Seemine. Bei der Explosion kam der Kapitän Anatol Gouretzky ums Leben. 

 


Liste aller 14 Hochseeschiffe, die im Zweiten Weltkrieg unter Schweizer Flagge fuhren.

  • Calanda (Register Nr. 001) – Eigner: Schweizerische Reederei AG (Swiss Shipping Co. Ltd.), Basel – Management: Schweizerische Reederei AG (Swiss Shipping Co. Ltd.), Basel – Schweizer Flagge: 24.04.1941–12.11.1946
  • Maloja (Register Nr. 002) – Eigner: Schweizerische Reederei AG (Swiss Shipping Co. Ltd.), Basel – Management: Schweizerische Reederei AG (Swiss Shipping Co. Ltd.), Basel – Schweizer Flagge: 24.04.1941–19.04.1944
  • St. Gotthard (Register Nr. 003) – Eigner: Schweizerisches Kriegs-Transportamt, Bern – Management: Schweizerisches Kriegs-Transportamt, Bern – Schweizer Flagge: 06.05.1941–29.07.1957
  • Generoso (Register Nr. 004) – Eigner: Maritime Suisse AG, Basel – Management: Maritime Suisse AG, Basel – Schweizer Flagge: 29.05.1941–29.03.1946
  • St-Cergue (Register Nr. 005) – Eigner: Suisse-Atlantique Société de Navigation Maritime SA, Lausanne – Management: Suisse-Atlantique Société de Navigation Maritime SA, Lausanne – Schweizer Flagge: 10.07.1941–17.03.1952
  • Chasseral (Register Nr. 006) – Eigner: Schweizerisches Kriegs-Transportamt, Bern – Management: Schweizerisches Kriegs-Transportamt, Bern – Schweizer Flagge: 17.07.1941–08.10.1951
  • Saentis (Register Nr. 007) – Eigner: Schweizerisches Kriegs-Transportamt, Bern – Management: Schweizerisches Kriegs-Transportamt, Bern – Schweizer Flagge: 12.12.1941–30.09.1963
  • Eiger (Register Nr. 008) – Eigner: Schweizerisches Kriegs-Transportamt, Bern – Management: Schweizerisches Kriegs-Transportamt, Bern – Schweizer Flagge: 30.12.1941–10.04.1947
  • Albula (Register Nr. 009) – Eigner: Schweizerische Reederei AG (Swiss Shipping Co. Ltd.), Basel – Management: Schweizerische Reederei AG (Swiss Shipping Co. Ltd.), Basel – Schweizer Flagge: 26.02.1942–18.12.1945
  • Lugano (Register Nr. 010) – Eigner: Nautilus SA, Glarus – Management: Schweizerische Reederei AG (Swiss Shipping Co. Ltd.), Basel – Schweizer Flagge: 29.04.1942–13.04.1948
  • Caritas I (Register Nr. 011) – Eigner: Stiftung für die Durchführung von Transporten im Interesse des Roten Kreuzes, Basel – Management: Schweizerische Reederei AG (Swiss Shipping Co. Ltd.), Basel – Schweizer Flagge: 05.05.1942–08.08.1945
  • Zürich (Register Nr. 012) – Eigner: Maritime Suisse AG, Basel/Genf – Management: Maritime Suisse AG, Basel – Schweizer Flagge: 30.03.1943–16.12.1946
  • Caritas II (Register Nr. 013) – Eigner: Stiftung für die Durchführung von Transporten im Interesse des Roten Kreuzes, Basel – Management: Schweizerische Reederei AG (Swiss Shipping Co. Ltd.), Basel – Schweizer Flagge: 17.03.1944–02.06.1945
  • Henry Dunant (Register Nr. 014) – Eigner: Stiftung für die Durchführung von Transporten im Interesse des Roten Kreuzes, Basel – Management: Schweizerische Reederei AG (Swiss Shipping Co. Ltd.), Basel – Schweizer Flagge: 28.09.1944–24.10.1945

 

Quellen:

Bundesarchiv Bern

Roger Antoine "Infringing Neutrality: The RAF in Switzerland (1940–45) 

Swiss-Ships.ch